Augsburg_Wittenberg 2017

Friedensradtour vom 1. bis zum 10.09.2017 - von Augsburg bis nach Wittenberg.

Wer einen fast 500 Jahre währenden Missstand aus der Welt schaffen will, braucht einen langen Atem. Und gute Regenkleidung:
Bei strömendem Regen wurde am 1. September unsere Radlergruppe in Augsburg mit einem Reisesegen von Pfarrer Werner Appelt (katholische Kirche), Irene Löffler (evangelische Kirche) und Wolfgang Krauß (Mennoniten) verabschiedet. Begleitet hat uns einen Tag lang Kathrin Ueltschi vom Schweizer Radio SFR, die auch unsere Ankunft in Wittenberg dokumentiert hat. Am 9. September sind wir in der Tat exakt nach 601 Kilometern in Wittenberg angekommen und haben - mit etwas Mühe aufgrund eines nicht sehr freundlichen "Wächters" - unser Paket zustellen können.

Unser Paket enthielt Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses von 1530. Dort wird festgehalten, „dass Christen ohne Sünde Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen und in ihnen mitstreiten können. (…) Hiermit werden verdammt die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei.“
Verdammt wurden damals mit diesem Artikel die Täufer oder Wiedertäufer, heute werden mit diesem Artikel, der in jedem evangelischen Kirchengesangbuch abgedruckt ist, alle christlichen Pazifisten verdammt. Immerhin wir werden aktuell nur verdammt..... Damals wurden die Täufer blutig verfolgt, gefoltert und ermordet. CA 16 ist Teil der Blutspur der Reformation. Wir haben auf unserem Weg Orte besucht, an denen täuferische Schwestern und Brüder gelebt und gelitten haben, haben Gedenktafeln provisorisch aufgerichtet und der Ermordeten im Gebet gedacht.
Nie wieder sollen verdammt und verfolgt werden, die gewaltfreie Lösungen für einzig christlich und menschlich angemessen halten. Nun, da CA 16 aus der Welt geschafft ist, liegt es an den evangelischen Kirchen, Weltverantwortung in einem neuen Artikel 16 besser zu formulieren und sich der unsäglichen Verfolgungsgeschichte der Täufer endlich angemessen zu stellen. Unsere Vorschläge dazu liegen vor.

Wir, Mitglieder des Internationalen Versöhnungsbundes aus dem ganzen Bundesgebiet, hatten uns auf Initiative des Bielefelder Friedenstheologen PD Dr. Thomas Nauerth zusammengefunden um den Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses (1530, „Confessio Augustana“ https://de.wikipedia.org/wiki/Confessio_Augustana)  von Augsburg nach Wittenberg rückzuführen, „zurück an den Absender“, an den Verfasser, an Philipp Melanchthon.

Dr. Nauerth hat die Reise geplant und einen „Reiseführer Rückführung des Artikels 16 der Confessio Augustana (Augsburger Bekenntnis) von Augsburg nach Wittenberg im Jahre des Herrn 2017“ erstellt, aus dem im Folgenden immer wieder zitiert wird.

Der deutsche Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes ist seit über 100 Jahren (seit 1014) gewaltfrei aktiv gegen Krieg und Unrecht. Er vereint Menschen aller Generationen, die sich aus ihrem Glauben oder ihrer sonstigen inneren tiefen Überzeugung heraus für die Gewaltfreiheit einsetzen und auf unterschiedlichsten Wegen Schritte suchen, gewaltsame Strukturen zu bekämpfen und friedensfördernde zu schaffen.

CA 16 ist ein Artikel aus der Confessio Augustana, dem "Augsburger Bekenntnis", einer zentralen reformatorischen Bekenntnisschrift von 1530, verfasst von Philipp Melanchthon, die in den lutherischen und vielen unierten Kirchen bis heute Gültigkeit hat. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindeälteste und Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher wurden und werden auf dieses Bekenntnis verpflichtet.

Der Artikel CA 16 des Augsburger Bekenntnisses legt fest:

,,dass Christen ohne Sünde Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen und in ihnen mitstreiten können. (...) Hiermit werden verdammt [ursprgl. die (Wieder)Täufer], die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei” (Textfassung im Evgl. Gesangbuch)

CA 16 ist immer wieder benutzt worden, um in zweifelhafter Weise staatliche Gewalt theologisch zu legitimieren. In seiner Wirkungsgeschichte hat dieser Artikel zur blutigen Verfolgung von Täuferinnen und Täufern durch die evangelischen Kirchen beigetragen und zur Ausgrenzung von Pazifistinnen und Pazifisten bis heute. Immer wieder bekamen friedensbewegte Pfarrer und Pfarrerinnen wegen dieses Artikels Schwierigkeiten mit ihrer Kirche.

Neben Augsburg wurden auf dem Weg nach Wittenberg weitere Orte besucht, an denen im 16. Jahrhundert christliche Schwestern und Brüder ("Täufer" genannt) um ihres Glaubens willen verfolgt, gefoltert und ermordet wurden (Nürnberg, Bamberg, Bad Staffelstein,  Kleineutersbach, Leuchtenburg, Jena).

In der "Dekade zur Überwindung der Gewalt" von 2001-2010 haben die evangelischen Kirchen auch ihre eigenen Verstrickungen in die Entstehung und Legitimation von Gewalt thematisiert und in vielen Landeskirchen sind Diskussionen im Gange, wie einer Legitimation von Gewalt begegnet werden kann. Wir meinen, damit der Gedanke der am Ende von CA 16 steht ("Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne Sünde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen") bedarf es einer Abkehr von CA 16 und eines offiziellen Widerrufes der immer noch geltenden Verdammung von pazifistisch denkenden Christen.

Im Jahre 2010 haben sich die Teilnehmer einer Studientagung des Internationalen Versöhnungsbundes zum Thema „Rechtfertigung staatlicher Gewalt“ an alle Kirchengemeinden, Haupt-  und Ehrenamtlichen der evangelischen Kirchen gewandt mit der Forderung, sich von einem derartigen Bekenntnis zur Gewalt zu distanzieren - zu einer Abkehr vom Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses und zu einer Umkehr zu einer Kirche des Friedens.

Im Reformationsjubiläumsjahr  2017 = 500 Jahre "Klage des Friedens" von Erasmus von Rotterdam - soll dieses Anliegen erneut aufgegriffen werden: „Nie wieder seien verdammt die radikal den Frieden suchen“ 

Bei leichtem Nieselregen starten wir in Augsburg beim Hohen Dom zu Augsburg bei der ehemaligen Bischofsresidenz, von der noch der Pfalzgrafenturm am Fronhof erhalten ist, unter der Gedenktafel: „Hier stand die bischöfliche Pfalz in deren Kapitelsaal am 25. Juni 1530 die CONFESSIO AUGUSTANA verkündet wurde“ – das Volk hörte vor den geöffneten Fenstern mit. Wir erhalten einen kurzen Auftaktimpuls in Verbindung mit dem Antikriegstag und Augsburg als Stadt der Täufer und Stadt von CA 16 und werden verabschiedet sowohl sowohl von einem evangelischen wie einem katholischen Geistlichen der Stadt Augsburg.

Kurzer Stopp bei einer Gedenkstatue für Max-Josef Metzger  (Max Josef Metzger war ein deutscher katholischer Priester, der wegen seiner pazifistischen Überzeugung vom Volksgerichtshof unter Vorsitz seines Präsidenten Roland Freisler am 14. Oktober 1943 zum Tode verurteilt und nach sechs Monaten hingerichtet wurde). Die von ihm in „Rasshaß oder Völkerfriede“ 1917 aufgestellten Forderungen sind akuteller denn je: „ Wir fordern das Ende nutzlosen Blutvergießens auf den Schlachtfeldern, zugleich aber damit das Ende einer Politik, die mit Machtmitteln die sittlichen Probleme des Zusammenlebens der Völker zu überwinden sucht und dabei immer wieder aufs neue Kriege heraufbeschwört. Wir fordern das Aufgeben des sinnlosen Wettrüstens der Völker zu Wasser und zu Land und die Konzentrierung auf die positiven Kulturaufgaben. Wir fordern die Neuorientierung der Erziehung der heranwachsenden Jugend unter Vermeidung allen Chauvinismus (übertriebener Nationalismus), aller Nährung kriegerischen Geistes, unter Weckung des sozialen Pflichtgefühls, Ehrlichkeit, Selbslosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, soziale Verantwortlichkeit.“

Dann ging es schließlich los über Kopfsteinpflaster und rutschige Straßenbahnschienen quer durch die Stadt in nördlicher Richtung zunächst nach Neuburg an der Donau – bis dahin begleitet und ein in Augsburg tätiges Mitglied des Versöhnungsbundes und der evangelischen Freikirche der Mennoniten angehört - und dann nach Eichstätt.

Hier werden wir von den St. Walburga-Benediktinerinnen empfangen, in deren Gästehaus wir – schlicht aber stilvoll – nächtigten. Es gab sogar einen Keller, wo unsere nassen Fahrradklamotten nebst bereits aufgehängten sakralen Gewändern  Platz zum Trocknen fanden.

Auf dem Weg zum Abendessen in einem Gasthaus an einem zentralen Platz der katholisch geprägten Stadt kommen wir vorbei bei einer „Galerie der Kirchenkritik“. Die häufig sexistisch anmutenden Plakate des Wolfgang Sellinger (u.a. „die nackte Wahrheit des Martin Luther“) fanden nur geteilte Zustimmung.  

Wozu uns leider nicht genügend Zeit blieb, dass war das Aufsuchen des Figurenfeldes östlich von Eichstätt. Es besteht aus 78 größtenteils überlebensgroßen Figuren des Bildhauers und Malers Alois Wünsche-Mitterecker (1903–1975). Der Künstler wollte ein „Monumentum perpetuum“, ein Mahnmal für die Ewigkeit, schaffen, eine Warnung vor dem Krieg, bei dem es keine Sieger und Besiegten gibt.

Nach einem kurzen Morgenimpuls auf dem Vorplatz von Benediktinerinnenkloster und Abteikirche

ging es – zunächst steil bergauf schiebend nach Wintershof - mit Blick auf die hoch über dem anderen Altmühlufer  liegende Willibaldsburg (Willibald von Eichstätt war ein angelsächsischer Missionar und Bischof im Gebiet des heutigen Deutschlands, Bruder der ebenfalls als Missionare und Klostergründer tätigen Walburga und Wunibald und möglicherweise ein Neffe des Bonifatius)

dann mit Navi-Unterstützung auf verkehrsberuhigten Straßen (teilweise auch Feldwegen) bei eher schlechtem Wetter und Wind zum Main-Donau-Kanal, dem wir auf unserem Weg nach Nürnberg eine zeitlang folgen konnten.

In Nürnberg war unser erstes Ziel die Martin Niemöller Kirche im Stadtteil Langwasser.

Martin Niemöller war Mitglied des internationalen Versöhnungsbundes und hat beispielsweise auf der Jahrestagung des Versöhnungsbundes in Bremen am 20. Mai 1960 einen Vortrag gehalten mit dem Titel: „Wir Christen und der Frieden“ (abgedruckt in: „Friede findet Tausend Wege. 100 Jahre Versöhnungsbund. Ein Lesebuch“).

Niemöller war Marineoffizier im Kaiserreich (u.a. 1918 Kommandant eines Minen-U-Bootes), diente 1920 als Bataillonsführer eines Freichors: „akademische Wehr Münster“ und war an der Niederschlagung des Ruhraufstandes beteiligt. Zwar hatte Niemöller seit 1924 nationalsozialistisch (NSDAP) gewählt und die Einführung des „Führerstaates“ 1933 begrüßt, aber die Vermischung von politischen Aussagen mit dem Glaubensbekenntnis lehnte er schärfstens ab. So war er im Mai 1933 einer der Gründer der Jungreformatorischen Bewegung und stellte sich an die Seite Friedrich von Bodelschwinghs. Niemöller dachte weiterhin im Wesentlichen betont nationalkonservativ. So erschien 1934 sein Erinnerungsbuch Vom U-Boot zur Kanzel. Trotzdem geriet er zunehmend in die Illegalität. Bei einem Empfang von Kirchenführern in der Berliner Reichskanzlei im Januar 1934 kam es zu einer direkten Konfrontation zwischen Hitler und Niemöller.

Niemöller war von 1937 bis 1945 KZ-Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen und engagierte sich nach 1945 für eine Neuordnung der Evangelischen Kirche, wandte sich gegen Wieder- und Atombewaffnung, vertrat ab 1954 teils radikale pazifistische Positionen. 1957 wurde Martin Niemöller  zum Präsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft und 1958 auch zum Präsidenten der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) gewählt. Ab 1974 war er Präsident der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK). 1959 attackierte er die Ausbildung zum Soldaten als „die Hohe Schule für Berufsverbrecher“. Im 1967, während des Vietnamkrieges reiste er nach Nordvietnam. Ab 1967 war er auch Ehrenpräsident des Weltfriedensrates. In seiner Sozialethik bewegte sich Niemöller zwischen der lutherischen Prägung durch sein Elternhaus und reformiertem Einfluss. So erkannte er in engem Rahmen eine relative Autonomie des Politischen an, zunehmend aber betrachtete er politische Entscheidungen als Glaubensentscheidungen. Die Frage „Was würde Jesus dazu sagen?“  wurde zu einem Markenzeichen von Niemöllers Denken. Im Alter griff Niemöller die bundesdeutsche Politik an und unterstützte die außerparlamentarische Opposition; auch der Kirche traute er Reformfähigkeit nicht mehr zu, so dass er schließlich die hessen-nassauische Synode verließ (Quelle: Wikipedia).

Vorbei am ehemaligen Reichsparteitagsgelände (Nürnberg-Dutzendteich) und Volksfestplatz gelangten wir ins Stadtzentrum, wo wir wegen Touristenmassen die Räder schieben mussten, vom Hauptmarkt hoch zur Kaiserburg, zur Jugendherberge.

Am nächsten Morgen ging es zunächst nach Erlangen in die St. Markuskirche, wo wir   im Anschluss an einen Gottesdienst Interessenten der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde ( Pfarrer Erich Reuther) unser Friedensradfahrt-Projekt vorstellen konnten.

Markgraf Georg der Fromme trat nach seinem Regierungsantritt 1527 rasch für die Lehre Martin Luthers ein. In seltener Einmütigkeit mit der Reichsstadt Nürnberg setzte er die Einführung der Reformation durch. So unspektakulär der Wechsel zur lutherischen Konfession ablief, so außergewöhnlich waren die von der Obrigkeit argwöhnisch beobachteten und unterdrückten Gemeindebildungen der Täufer im Erlanger Raum. Sowohl in Eltersdorf als auch Alterlangen und Erlangen kam es zu Gemeindebildungen der Täufer. Dabei tat sich besonders der Eltersdorfer Pfarrer Wolfgang Vogel hervor. Gegen ihn führte der Nürnberger Rat einen exemplarischen Prozess. Er wurde in das Nürnberger Lochgefängnis geworfen und im Alter von 33 Jahren wegen Aufruhr gegen die Obrigkeit am Tage nach Verkündigung Mariä 1527 mit dem Schwert hingerichtet.

Dem Main-Donaukanal folgend – mit Kaffee-und Kuchen in einem jetzt sonnenbeschienenen Forchheim – erreichten wir schließlich Bamberg, wo es ob steiler und winklig-schmaler Gassen nicht ganz einfach war, die Jugendherberge zu finden.

In der Erlöserkirche gedachten wir zusammen mit interessierten Mitglieder der dortigen evangelischen Pfarrgemeinde der in der Reformationszeit im Raum Bamberg ermordeten fünf Täufer – für jeden wurde symbolisch eine Kerze angezündet und entsprechende Texte bzw. Fürbitten verlesen.

Am 30. Januar 1528 wurden in Bamberg fünf Wiedertäufer hingerichtet. Martin Marstaller aus Bamberg, ein Augenzeuge, hielt darüber fest: „Einer widerrufft, der wurt mit dem Schwert bey dem Feuer gericht, die andern 4 pliben uff irem verstockten Glauben und lissen sich verprennen, darunter ein rechter selbst Hauptsacher was, so getauft unnd gepredigt hett, [...] demselben wurt erstlich die Zungen gezwickt, darnach noch 2 Zwick bis zum Feuer, ein rechter Schalck mit Namen Weischenfelder unnd sein Bruder Mulner.“

Anderntags verließen wir Bamberg in Richtung Coburg – nicht ohne dem Bamberger Dom (Bamberger Reiter - "eine apokalyptische Figur, der Messias"? - ferner schauten wir uns ein Seitenportal mit einer Darstellung des jüngsten Gerichts an, auf der in bester Steinmetzarbeit fröhlich-jubilierende Gerechte zu sehen sind) abgestattet zu haben.

In Bad Staffelstein war unser Ziel die Hopfenmühle. Mühlen war in der Reformationszeit häufig Treffpunkte von Täufern.

Am 30. Januar 1528 wurden in Bamberg fünf (Wieder-)Täufer hingerichtet. Einer von ihnen war Hans Weischenfelder und sein Bruder, die ab 1517 die Staffelsteiner Hopfenmühle kauften und betrieben. Beide Brüder hielten am Täufertum fest und wurden auf eine besonders abschreckende Weise hingerichtet weil sie ihre Überzeugung als „Täuferapostel“ verbreitet hatten.

Durch Hinterlegung eines entsprechenden Schriftstückes erklärten wir an diesem Ort unseren Dank und unsere Wertschätzung für diese Christen, für ihren Mut, ihre Standhaftigkeit und ihre Bereitschaft, sich auch im größten Notfall nur an Jesus Christus zu orientieren. Wir erklärten unsere Trauer und Bestürzung über das Unverständnis, das diese Form christlicher Nachfolge damals gefunden hat. Wir erklärten unsere Trauer und unsere Scham über diesen unfassbaren christlichen Geschwisterkampf.

Die Weiterfahrt von Bad Staffelstein nach Lichtenfels verlief erst relativ gemütlich entlang des Mains mit Ausblicken auf Basilica Vierzehnheiligen und das Kloster Banz, wurde dann aber etwas hügelig und ungemütlich, weil uns das Navi auf teils ruppigen Feldwegen durch die Wälder schickte – sehr zum Verdruss unseres Liegendradfahrers. Schließlich kamen wir im Jugendhaus Weinberg Hohe Wart 31 in Rödental ( ca 10 km nordöstlich von Coburg)  an um festzustellen, dass wir uns dort selbst versorgen mussten. Letztendlich liefe es auf Pizzaservice und Getränke von einer Tankstelle hinaus. Dann aber wurden Texte auf Papierbahnen geschrieben und die so hergestellten Banner am andern Morgen schon mal probeweise in die Kamera gehalten.

Nach einem behelfsweisen Frühstück in einem Rödentaler Supermarkt fuhren alle mit den Rädern nach Sonneberg in Thüringen, wo ein Teil der Gruppe den Zug nahm, der Rest tapfer die Steigungen des Thüringer Waldes mit den Rädern erklamm.

Hier oben treffen wir im Wald auf eine Tafel, die an Todesmärsche der Gefangenen des KZ Buchenwald erinnern.

Von Neuhaus am Rennsteig ging es zunächst hügelig dahin dann (fast) nur noch bergab, der Schwarza entlang nach Schwarzburg – zur dortigen Jugenherberge. Die auf dem Hügel liegende gleichnamig Burg war ein Zentrum im Bauernkrieg. 14 Artikel der Frankenhäuser Bauern im Mai 1525 hängen damit zusammen www.regionalmuseum-bfh.de/reformation

In Schwarzburg treffen wir Kathrin Ueltschi, eine Journalistin vom Schweizer Rundfunkt, die ein Radiofeature für SRF 2- Kultur zur Reformation bzw. über unsere Aktion machen wollte und dann  auch gemacht hat und die uns immer wieder interviewt, hier im Bild mit Dr. Thomas Nauerth - und die uns am Folgetag mit dem Fahrrad begleitet.

Beim Morgenimpuls wurde ein Gedicht von Sebastian Frank (1499-1543) verlesen, das sie in ihrer Radiosendung (siehe ganz unten am Ende der Webseite) aufnahm:

„Ich will und mag nicht päpstlich sein:
Der Glaub ist klein bei Mönchen und bei Pfaffen
Es wird bei äußerlichem Schein ihr Herz nicht rein:
Sie machen d’Leut zu Affen.
Der Kirchen Brauch
nährt ihren Bauch,
der ist ihr Gott:
Ich merk den Spott;
ich will mich da nicht vergaffen.

Ich will und mag nicht lutherisch sein:
Ist Trug und Schein sein Freiheit, die er lehret:
An Gottes Haus sie nur abbricht
und bauet nicht:
Das Volk wird mehr verkehret.
Er lehrt: Glaub! Glaub!
Macht damit taub‘
und wehrlos Leut.
Am Tag liegt’s heut:
Kein Besserung man höret“

Über Bad Blankenburg fahren wir Saale-abwärts nach Orlamünde und Kleineutersdorf.

In Orlamünde  wirkte der Pfarrer Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt, 1480-1541, der Doktorvater Luthers) . 1939 hat in diesem Ort ein Streitgespräch der Orlamünder Gemeindemitglieder mit Luther stattgefunden, wovon Luther berichtet habe, dass er froh gewesen sei, lebend aus der Stadt herausgekommen zu sein. An der Kirche von Orlamünde hinterlegen wir ein Schreiben, in dem Erwähnung findet wie sich hier die Verdammungen der CA direkt auf das Leben der  Täufer ausgewirkt haben in Form von Verhör, Folter und Ermordung von Christenmenschen im Beisein von Melanchthon.

In Kleineutersdorf wirkte der Müller Hans Preisker. Bis 1535 war Kleineutersdorf ein Zentrum der Täuferbewegung. Am 20. November des Jahres 1535 wurden 16 Täufer verhaftet. Drei von ihnen (unter ihnen Hans Preisker) haben in den Verhören, bei denen Philipp Melanchthon zugegen war, ihre Überzeugungen nicht wiederrufen. Sie wurden am 26. Januar in Jena enthauptet. 

Wir verlassen das Saaletal für ein paar Kilometer in östlicher Richtung verlassen um zur Leuchtenburg zu gelangen, die schon bald oben am Hügel thronend zu sehen ist.

Auf die Leuchtenburg ließen wir uns mit einem Shuttle-Bus hochfahren und wurden von Frau Dr. Ulrike Kaiser, der Direktorin der Stiftung Leuchtenburg geführt. 1535 hat Philipp Melanchthon den hier inhaftierten und oben bereits erwähnten Kleinleutersdorfer Müller und Täuferführer Hans Preißker verhört. Die Leuchtenburg war damals extra erweitert worden um die Vielzahl an Täufern dort in Erdlöchern gefangen halten (und bei Befragungen auch foltern) zu können.

Auch hierüber findet sich eine ausführliche Passage im SFR-2 Rundfunkbeitrag von Kathrin Ueltischi vom 29.10.2017.

In Jena gibt es keinen Shuttlebus, da müssen wir auf der Nordwestseite der Stadt die Hügel hochstrampeln zum Internationalen Jugendgästehaus. Hier stößt  ein weiterer Teilnehmer für die Friedensradtour dazu, der aus Dresden stammt, der schon viele Jahr aktiv ist in Sachen Frieden und uns bis zu unserem Zielort Wittenberg begleiten wird.

In einem Konferenzraum des Gästehauses finden wir uns abends zusammen mit lokalen Friedenaktivisten insbesondere Nikolaus Huhn. Mit dabei sind auch drei Mitglieder des Bruderhofes Bad Klausterlausitz, die sich keiner Kirche zuordnen, von denen es Höfe in verschiedenen Ländern gibt, in denen sie „in Nächstenliebe in Jesus“ (und „von Jesus gerufen“) in der Nachfolge der Bergpredigt zusammenleben unter Beachtung folgender Gebote:„vorbehaltlos zu vergeben, jeder Gewalttätigkeit zu entsagen, in der Ehe lebenslang treu zu bleiben, frei von Reichtümern zu leben, als Geringster zu dienen und aller Macht über andere zu entsagen“

Anderntags fahren wir – jetzt ohne Kathrin Ueltschi - zunächst wieder ein Stück der Saale entlang. Wir verabschieden einen Mitfahrenden in Camburg, der sich wegen dringender Termine ausklinken muss. Wir passieren Naumburg, dessen Dom wir besichtigen und bestaunen (u.a. das romanische Kreuz in der Krypta und eine Kreuzwegdarstellung, welche ein Langschwert, das Schwert der Obrigkeit zeigt). Über Weissenfels geht es weiter nach Lützen zur Gustav Adolf Gedenkstätte, in der wir vergeblich nach kritischen Kommentaren zum damaligen von Machtinteressen geleitetem kriegerischen Treiben suchen. Stattdessen finden wir im Inschriften bzw. im Kontext verwunderliche Bibelzitate  wie: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ und machen entsprechende Kommentare ins Gästebuch wie z.B. „Wann merken Christen jeglicher Konfession dass Krieg und die Bereithaltung von Militär der Lehre und dem Vorbild Jesu total widersprechen?“

Übernachtung im Gasthof zum Amboss in Lützen-Poserna, wo uns kräftige Landmannskost erwartet.

Anderntags Morgenimpuls am Kriegerdenkmal der kleinen Gemeinde, wo einer aus unserer Gruppe ein von ihm selbst verfasstes (Lied und) Gedicht mit dem Titel „Das Kriegerdenkmal“ vorträgt, das folgenden Refrain hat:

Krieger, denk mal, bevor du ein Denkmal kriegst
und tötend getötet am Boden liegst.
Eben noch am Leben,jetzt schon ’ne Leiche,
Täter und Opfer,beides zugleiche.

und wie folgt endet:

Krieger, denk mal bevor du ein Denkmal kriegst,
wenn du das Leben und die Freiheit wirklich liebst,
dann sag zum Dienst mit der Waffe Nein!
Nur so wird Krieg verhindert
und Frieden möglich sein. 

Die Stadt Leibzig tangieren wir lediglich um dort (im Stadtteil Wahren) das Dominikaner-Kloster Arkenau aufzusuchen.

Dort war in den Jahren 1940 bis 1946 Aurelius Arkenau Pfarrer und Superior des Dominikanerkonvents des Dominikanerklosters St. Albert in Leipzig. Von 1942 bis 1945 versteckte er Deserteure, Zwangsarbeiter, Juden und Kommunisten im Kloster oder im eigenen Pfarrhaus und vermittelte ärztliche Hilfe und falsche Pässe. Er wurde am 5. August 1999 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. Ihm zu Ehren ist das Gästehaus des Klosterneubaus nach ihm benannt worden, ebenso der zentrale Platz am Wahrener Rathaus in der Nähe des Klosters. An seinem Geburtshaus gegenüber der Kirche in Essen erinnert eine Gedenktafel an den couragierten Ordensmann.

Nördlich von Leibzig (Richtung Delitsch / Bitterfeld) kommen wir ein eine Seenlandschaft, die in der Nachfolge von Tagebaustätten angelegt wurde. Wir schlängeln uns auf Radwegen hindurch und erreichen unser Tagesziel, das Familienbildungshaus (der evangelischen Kirche, EKD) in Sausedlitz.

Hier ist wieder Selbstversorgung angesagt. Schnell werden im kleinen Kramerladen des Ortes Zutaten für Abendessen und Frühstück besorgt. Leider bleibt keine Zeit für eine Besichtigung der Kirche des nahegelegenen Ortes Löbnitz, die eine Kasettendecke hat, auf der angeblich auch Melanchthon abgebildet ist.

Am nächsten Tag wollen wir unsere Seentour fortsetzen, aber die Wegfindung gestaltet sich schwierig, es fängt an zu nieseln und so entscheiden wir uns für Landesstraße 100, die uns – wie viele uns oft sehr knapp überholende Autos – ziemlich direkt nach Wittenberg bringt.

Heute begleitet uns neben einem weiterer Teilnehmer, dem die Rückführung des Artikels 16 der Confessio Augustana ein wichtiges Anliegen ist auch wieder die Reporterin des Schweizer Rundfunks, Frau Kathrin Ueltschi.

In der "Lutherstadt Wittenberg" läuft gerade noch die letzten Themenwoche der Weltausstellung, die da heißt: "Botschaften von 2017".

In Wittenberg angekommen ist unser erstes Ziel die Melanchthon-Statue. Ihm (Philipp Melanchthon) legen wir das mitgeführte Paket zu seinen Füßen und machen ein Foto mit ihm und den mitgebrachten Textfahnen

Dann begeben wir uns zum und ins Melanchthon-Haus, wo wir das Rückführungspaket (mit Inhalt CA Artikel 6) versuchsweise erst in seiner Schreibstube auf einen Tisch legen

was vom Museumsangestellten bemerkt und untersagt wird. Schließlich deponieren wir es in einem Stehpult

wo es vermutlich auch nicht lange geblieben ist – aber wir sehen unsere Aufgabe, den Artikel 16 den Augsburger Bekenntnis an seinen Autor Philipp Melanchthon zurückzubringen als erfüllt an

In der Fronleichnamskapelle der Stadt- und Pfarrkirche St. Marien  von Wittenberg gestalten wir die Abendandacht unter dem Motto „Gewalt ist keinem Christenmenschen erlaubt", wir verlesen Texte (u.a. von Sebastian Funk, Hans Denck und Erasmus von Rotterdam) – im Wechsel mit sphärisch-besinnlichen konzertanten Harmonikastücken, vorgetragen von Ulrich Müller-Froß.


Gemeinsam geht es am anderen Tag zu dem auf dem zentralen Platz Wittenbergs stattfindenen Schlußgottesdienst der Weltausstellung Reformation („Tore der Freiheit“, 20. Mai bis 10. Sept. 2017), bei dem Margot Käsmann die Predigt hält. Das Motto lautete: „Fröhlich in Hoffnung“. Eine ZDF-Aufzeichnung des Gottesdienstes ist noch bis 10.9.2018 verfügbar unter folgendem Link


Danach trennen wir uns - in der Hoffnung, dass die 600 km nicht umsonst geradelt wurden.

Laufende Aktualisierungen zu den Aktivitäten des Versöhnungsbundes (deutscher Zweig) in Sachen Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses finden sich unter
www.versoehnungsbund.de/ca16 

Nachtrag 1: 
Luthers 95 Thesen vom 31. Oktober 1517 setzten in Deutschland die reformatorische Bewegung in Gang, die sich trotz des Wormser Ediktes rasch ausbreitete. Während sich mehr und mehr Reichsstände zu Luther bekannten, versuchte Kaiser Karl V., die Einheit von Kirche und Reich zu retten.

Die Einladung zum Reichstag zu Augsburg war versöhnlich gehalten, und die Lutheraner hatten die Hoffnung, eine gütliche Einigung zu erzielen. Auf dem vorangegangenen Reichstag zu Speyer im Jahre 1529 war das Wormser Edikt bestätigt worden, und so stand die Reformation auf rechtlich unsicherem Boden. Aus diesem Grunde beauftragte Kurfürst Johann von Sachsen Philipp Melanchthon, eine Verteidigungsschrift (griech. Apologie) der Reformation zu verfassen.

Nach Bekanntwerden der von Johannes Eck verfassten „404 Artikel“ war Melanchthons kurzgefasste Apologie indes nicht mehr ausreichend, und so begann Melanchthon unter Mitarbeit von Johannes Brenz, seine Schrift umzuformulieren: Ergebnis war die „Confessio Augustana“. Nun stand auch die Betonung der Übereinstimmung mit der katholischen Kirche in vielen Punkten im Vordergrund.

Als Grundlage der „Confessio Augustana“ dienten die von Luther verfassten Schwabacher Artikel, ein Bekenntnis der lutherischen Reformation gegen Ulrich Zwingli, und die Torgauer Artikel. Die Schrift ist zeitgleich sowohl auf Latein als auch auf Deutsch verfasst worden, wobei es Unterschiede in den beiden Fassungen gibt. Melanchthon arbeitete an der lateinischen Fassung stilistisch bis zur letzten Minute und passte den 10. Artikel über das Abendmahl in seinem Sinne an.

Die deutsche Version der „Confessio Augustana“ wurde am 25. Juni 1530 Kaiser Karl V. und den Kurfürsten des Reiches vom sächsischen Kanzler und Rechtsgelehrten Christian Beyer in der Kapitelstube des bischöflichen Palastes vorgetragen und dem Kaiser anschließend durch Kanzler Gregor Brück in der lateinischen Ausfertigung übergeben.

Unterzeichner der lateinischen Version waren die Reichsstände: Johann, Herzog zu Sachsen, Kurfürst - Georg, Markgraf zu Brandenburg-Ansbach - Ernst, Herzog zu Lüneburg - Philipp, Landgraf zu Hessen - Hanns Friedrich, Herzog zu Sachsen - Franz, Herzog von Braunschweig-Lüneburg - Wolfgang, Fürst von Anhalt-Köthen - die Bürgermeister und Räte zu Nürnberg und die Bürgermeister und Räte zu Reutlingen. Im Verlaufe des Reichstages traten noch die Reichsstädte Weißenburg, Heilbronn, Kempten (Allgäu) und Windsheim[2] dem Bekenntnis bei.

Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zum Abendmahl waren die vier oberdeutschen Städte Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau, die zum Teil Zwinglis Lehre anhingen, nicht an der „Confessio Augustana“ beteiligt: Sie schrieben ihr eigenes Bekenntnis, die Confessio Tetrapolitana (das „Vierstädtebekenntnis“), die jedoch nicht öffentlich verlesen wurde. Aus diesem Grunde waren später lediglich die Anhänger der „Confessio Augustana“ reichsrechtlich geschützt und wurden durch die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens 1555 als gleichberechtigt neben den Katholiken geduldet.

Martin Luther, der seit 1521 exkommuniziert und mit der Reichsacht belegt war, hielt sich während des Reichstags in Coburg auf, stand mit Melanchthon aber in ständigem Briefkontakt. Mit der auf lateinisch und deutsch verfassten Schrift sollte eine Verständigung mit den Katholiken erreicht werden. Die katholischen Theologen Johannes Eck und Johannes Fabri schrieben auf Karls Anweisungen die Confutatio, womit die „Confessio Augustana“ aus Sicht der Katholiken und des Kaisers widerlegt war. Die „Apologie der Confessio Augustana“ wurde nicht mehr angenommen, und Kaiser Karl V. bestätigte das Wormser Edikt in seiner Wirksamkeit.

Die lutherischen Reichsstände schlossen sich deshalb 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammen.

1540 edierte Melanchthon, der die „Confessio Augustana“ zeitlebens auch als sein privates Werk betrachtete, an dem Änderungen vorzunehmen er sich jederzeit berechtigt fühlte, eine deutlich veränderte Fassung der „Confessio Augustana“: die „Confessio Augustana Variata“. Schon in die Druckausgaben nach 1533 hatte er sukzessive Erweiterungen eingefügt, so beispielsweise Textpassagen aus der „Apologie“ in den Text der „Confessio“ übernommen.[3] Nach der Neuausgabe seiner „Loci theologici“ im Jahre 1535, der ersten evangelischen Dogmatik, der Wittenberger Konkordie von 1536, der Gründung des Schmalkaldischen Bundes und den Schmalkaldischen Artikeln 1537 sowie den anstehenden Religionsgesprächen der Jahre 1540/41 ergaben sich zahlreiche Gründe für die „Fortschreibung bzw. Anpassung der ‚Confessio Augustana‘ als grundlegende Glaubensurkunde des Bundes“.[4] Deswegen kann die „Confessio Augustana Variata“ nicht nur als Privatarbeit Melanchthons, sondern zumindest für die Zeit zwischen 1540 und 1561 als offizielle, amtlich verwendete Neuausgabe im Auftrag des Bundes gelten.[5] 1541 unterschrieb auch Calvin diese Fassung der „Confessio Augustana“.

Zu Streitigkeiten innerhalb des lutherischen Lagers kam es über die Veränderungen erst nach dem Tode Luthers (1546) im Zuge des sich anbahnenden Konfliktes zwischen den verschiedenen Melanchthon-Schülern und den Gnesio-Lutheranern. Auf dem Naumburger Fürstentag im Jahre 1561 beschloss man deshalb, auf der unveränderten Fassung, der „Confessio Augustana invariata“, zu bestehen.[6] Diese wurde 1580 in das Konkordienbuch aufgenommen und ist bis heute verbindliches Bekenntnis lutherischer Kirchen und Gemeinden. Die „Confessio Augustana variata“ hingegen ist in einigen unierten Kirchen Bekenntnisgrundlage.

Nachtrag 2: 
Die Confessio Augustana (CA), auch Augsburger Bekenntnis (A.B.) oder Augsburger Konfession, ist ein grundlegendes Bekenntnis der lutherischen Reichsstände zu ihrem Glauben. Sie wurde am 25. Juni 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg Kaiser Karl V. von den Reichsständen der lutherischen Reformation dargelegt. Sie war Basistext der Religionsgespräche, Grundlage des Schmalkaldischen Bundes, Toleranzgrundlage des Augsburger Religionsfriedens und gehört noch heute zu den verbindlichen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen, in der Fassung von 1540 (Variata) auch der reformierten Kirchen

Artikel 16: Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment - Der 16. Artikel hält fest, dass eine legitim eingesetzte öffentliche Regierung zur guten Ordnung Gottes gehört. Christen ist es daher gestattet, öffentliche Ämter auszuüben, wie das Richteramt und den Soldatenberuf. Nach geltenden Gesetzen sind Recht zu sprechen, Urteile zu fällen oder Übeltäter mit dem Schwert zu bestrafen. Ebenso ist der Staat berechtigt, sogenannte gerechte Kriege zu führen und Kriminelle der Gerichtsbarkeit zuzuführen. Christen dürfen Eigentum haben, in den Ehestand treten, Recht vor Gerichten erstreiten, Eide leisten, am Wirtschaftskreislauf teilnehmen usw. Jedoch gilt für Christen sowohl privat wie beruflich, dass sie Gott mehr zu gehorchen haben als den Menschen.

Verdammt werden die Täufer, welche die genannten Sachverhalte nach Ansicht der Verfasser der Confessio Augustana nicht anerkannten und ablehnten, wie zum Teil bei den späteren Täufern zu Münster. Weiterhin werden jene verdammt, die behaupten, dass man christliche Vollkommenheit nur durch Entsagung von Haus und Hof erlangen könne und jene, die behaupten, dass die oben genannten Tätigkeiten unchristlich seien.

Artikel 17: Von der Wiederkunft Christi zum Gericht Jesus Christus kommt wieder und alle Menschen werden auferstehen, damit er sie richten kann. Die Gläubigen erhalten das ewige Leben, die Gottlosen in der Hölle die ewige Pein. Die Allversöhnung wird als Irrlehre der Täufer verdammt, ebenso die Vorstellung eines irdischen Reiches der Gläubigen vor der Wiederkunft Christi.

 

Nachtrag 3:
Presserklärung zur Friedensradtour CA 16  im  Reformationsjahr 2017:

Verdammungen: Nein! Friedenskirche: Ja!

Erfolgreiche Rückführung des Artikel 16 der Confessio Augustana (CA) nach Wittenberg

Im Rahmen einer Friedensradtour vom 01.09.2017 bis zum 10.09.2017 über 600 km von Augsburg nach Wittenberg konnte dieses hochproblematische Erbstück der Reforma¬tion von Augsburg zurück nach Wittenberg gebracht werden. Der Artikel CA 16 liegt nun wieder in Melanchthons Arbeitszimmer, Die Aufgabe christlicher Weltver¬antwortung lässt sich besser und friedlicher formulieren!

CA 16 ist ein Artikel aus der Confessio Augustana, dem "Augsburger Bekenntnis", einer zentralen reformatorischen Bekenntnisschrift von 1530, verfasst von Philipp Melanchthon, die in den lutherischen und vielen unierten Kirchen bis heute Gültigkeit hat. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindeälteste und Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher wurden und werden auf dieses Bekenntnis verpflichtet. Der Artikel CA 16 legt fest:

,,dass Christen ohne Sünde Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen und in ihnen mitstreiten können. (...) Hiermit werden verdammt [ursprgl. die (Wieder)Täufer], die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei” (Textfassung im Evgl. Gesangbuch)

CA 16 ist immer wieder benutzt worden, um in zweifelhafter Weise staatliche Gewalt theologisch zu legitimieren. In seiner Wirkungsgeschichte hat dieser Artikel zur blutigen Verfolgung von Täuferinnen und Täufern durch die evangelischen Kirchen beigetragen und zur Ausgrenzung von Pazifistinnen und Pazifisten bis heute. Immer wieder bekamen friedensbewegte Pfarrer und Pfarrerinnen wegen dieses Artikels Schwierigkeiten mit ihrer Kirche.

Neben Augsburg wurden auf dem Weg nach Wittenberg weitere Orte besucht, an de¬nen im 16. Jahrhundert christliche Schwestern und Brüder ("Täufer" genannt) um ihres Glaubens willen verfolgt, gefoltert und ermordet wurden (Nürnberg, Bamberg, Leuch¬tenburg). Deutlich wurde in welcher Blutspur dieser Artikel 16 des Augsburger Be¬kenntnisses steht, (Gedenk-)steine dieser Orte wurden mit nach Wittenberg geführt und dem Paket für Melanchthon beigefügt.

Der Internationale Versöhnungsbund/Deutscher Zweig hat lange mit den evangelischen Kirchen um eine Distanzierung und Abkehr vom Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses gerungen (www.versoehnungsbund.de/ca16) : Niemand, auch keine Kirche, hat das Recht christliche Pazifisten zu verdammen.  

 

Es ist nun Aufgabe der evangelischen Kirchen, einen neuen Artikel 16 zu entwerfen und endlich in angemessener Weise an die Ermordeten des 16. Jahrhunderts zu erinnern.


Nachtrag 4:

https://www.srf.ch/sendungen/perspektiven/verdammung-nein-danke

Am 29.10.2017 (8:30 bis 9:00 Uhr) wurde die Friedensradtour im Radio SRF 2 Kultur  bzw. Perspektiven unter dem Titel „Verdammung – nein danke!“ gesendet und auf der Webseite des Senders mit folgendem Text vorgestellt:

„Jahrhunderte lang wurden Täufer verfolgt, gefoltert und auch hingerichtet. Ihr Vergehen war: Sie verweigerten den Kriegsdienst. Das haben auch die Reformatoren nicht gerne gesehen. Deshalb schrieben Martin Luther und Philipp Melanchthon im Augsburger Be­kenntnis, in Artikel 16: Wer bestreitet, dass es einen gerechten Krieg gibt, wird verdammt.

Auf einer Friedensfahrradtour von Augsburg nach Wittenberg bringt der internationale Versöhnung­s­bund Artikel 16 nun zurück an seinen Entstehungsort. Annahme verweigert, zurück an den Absender, lautet die Botschaft. Bereits vor einigen Jahren hat sich der Lutherische Weltbund bei den Täufern und den Mennoniten offiziell entschuldigt. Doch noch heute gilt Artikel 16 als zent­rales lutherisches Bekenntnis und steht unverändert in deutschen evangelischen Gesang­büchern.

Redaktion: Kathrin Ueltschi“ 

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